Tom hat mit seinem Vater nach dessen Scheidung nicht mehr viel zu tun, Lisa konnte schon von Geburt an nie viel mit ihrem Daddy anfangen und der Heinrich bekommt zwar reichlich Kohle von seinem Erzeuger, dafür sieht er ihn höchstens zweimonatlich.
Fragt sich der oder die kombinierende Leser/-in natürlich, was diese drei Jugendliche gemeinsam haben. Und die Antwort findet sich schnell: Allen gemeinsam ist eine etwas gestörte Vater-Kind-Beziehung.
Dass Jugendliche in der Pubertät Probleme mit den Eltern verursachen (oder umgekehrt), erstaunt wohl wenige und erzeugt dementsprechend wenig Aha!-Effekte. Schliesslich bewegen sich viele Pubertierende dermassen weit weg von Logik und schaurig nah an Drogen und Grenzerfahrungen, dass man als Eltern seine Kinder in diesem Alter wohl am liebsten im Zimmer einsperren würde.
Doch seit einiger Zeit fällt mir, den Freundeskreis betrachtend, auf: mit zunehmendem Erwachsenenalter wird‘s bei vielen Jugendlichen nicht besser. Viele sind von ihrem Vater enttäuscht, haben ihm gegenüber eine sehr distanzierte Haltung und wollen unter Umständen auch nichts von ihm wissen. Meistens geht diesen Fällen eine Scheidungs-Geschichte voraus, wo es nicht selten zu regelrechten Schlammschlachten gekommen ist.
Mysteriös: viele dieser Väter wurden in den Fünfzigerjahren geboren, sind also heute so um die fünfzig. Und: die schwierigsten sind solche, welche sich nach (oder schon vor) der Scheidung voll und ganz ihrer Karriere widmeten, sich zeitbedingt nicht gross mit ihren Kindern beschäftigten, das grosse Geld rochen und nun in grossem Rahmen darin schwimmen.
In den Fünfzigerjahren geboren? Waren das nicht die Zeiten, wo durch Technik alles auf einmal vermeintlich Machbar wurde, die Globalisierung seinen Lauf nahm und dem wirtschaftlichen Aufschwung kein Weltkrieg mehr im Weg stand? Die Wohlstandsgesellschaft, so steht‘s im Deutschbuch. Geld, Luxus und Erhabenheit bekamen einen anderen, höheren, Stellenwert, und es scheint fast so, als hätten zwischenmenschliche Beziehungen, Gefühle und der soziale Einsatz an Wert verloren. Hat die 50er-Generation versagt? Wurden ihnen falsche, oder zumindest schräge, materialbezogene Verhaltensweisen vermittelt? Oder hängt das gar nicht mit dem Geburtsjahr zusammen? Sind alle 50-jährigen Papis so?
Wie in einem Artikel der NZZ am Sonntag erläutert wird, seien 50-jährige Väter oder Männer besonders unberechenbar, fast als würden sie eine zweite Pubertät durchstehen. So sagen sich viele: “Dieses Leben kann es ja nicht sein!”, lassen sich daraufhin (wenn nicht schon vorher passiert) von ihrer Frau scheiden, schnappen sich eine Frau aus dem Sektor 24 bis 34-jährig und beginnen ein neues Leben. Ohne Rücksicht auf Kinder und Frau. Denn gerade die Frau hätten, so NZZ am Sonntag, im Alter von 50 Jahren weit weniger “Wert auf dem Single-Markt”, der Mann könne sich durch unsere gesellschaftliche Regeln viel besser bei jüngeren Frauen profilieren. Dass dabei natürlich Geld eine nicht zu kleine Rolle spielt, sei hier nur am Rande erwähnt.
Ob es an unserer Zeit liegt, dass viele (50-Jährige) Papis nicht wahnsinnig viel am – im klassischen Sinne – Familienleben beitragen oder ob es einfach in der Biologie des Mannes liegt: Ich weiss es nicht. Nur ein bisschen traurig ist die Sache schon. Vielleicht hatten Die Ärzte recht: Männer sind Schweine. Obwohl ich nicht sicher bin, ob ich das als Mann von mir geben darf…
Thierry Seiler