Jüngst im Traume sah ich auf den Fluten
Einen Nachen ohne Ruder ziehn,
Strom und Himmel stand in matten Gluten
Wie bei Tages Nahen oder Fliehn.
Sassen Knaben drin mit Lotoskränzen,
Mädchen beugten über Bord sich schlank,
Kreisend durch die Reihe sah ich glänzen
Eine Schale, draus ein jedes trank.
Jetzt erscholl ein Lied voll süsser Wehmut,
Das die Schar der Kranzgenossen sang -
Ich erkannte deines Nackens Demut,
Deine Stimme, die den Chor durchdrang.
In die Welle taucht ich. Bis zum Marke
Schaudert ich, wie seltsam kühl sie war.
Ich erreicht’ die leise ziehnde Barke,
Drängte mich in die geweihte Schar.
Und die Reihe war an dir zu trinken,
Und die volle Schale hobest du,
Sprachst zu mir mit trautem Augenwinken:
“Herz, ich trinke dir Vergessen zu!”
Dir entriss in trotzgem Liebesdrange
Ich die Schale, warf sie in die Flut,
Sie versank, und siehe, deine Wange
Färbte sich mit einem Schein von Blut.
Flehend küsst ich dich in wildem Harme,
Die den bleichen Mund mir willig bot,
Da zerrannst du lächelnd mir im Arme
Und ich wusst es wieder – du bist tot.
Conrad Ferdinand Meyer
Als ich das Gedicht von C.F. Meyer zum ersten Mal gelesen habe, bin ich darüber erschrocken, dass die Geliebte am Schluss einfach tot ist, das hätte ich nicht erwartet. Die Schar von Knaben und Mädchen, die da auf dem Strome treibt, kommt mir vor wie eine Verschwörung, und der Kelch, aus dem sie trinken, hat etwas Magisches an sich. Mir ist jedoch der Grund ihres Zusammenseins unklar. Teilen sie alle dasselbe Schicksal oder sind sie es, die das Mädchen in den Tod geleiten?
Die Tote weiss, wie sehr ihr Geliebter unter ihrem Sterben leidet, darum trinkt sie ihm Vergessen zu, um ihm das Leben zu erleichtern. Doch er will sie gar nicht vergessen und will nicht wahrhaben, dass sie gestorben ist. Er entreisst ihr also den Kelch, um sie am Leben zu erhalten. Er meint, mit seiner Liebe ihr Leben zurückgewinnen zu können, und man hat das Gefühl, dass er es auch wirklich geschafft hat, da eine leichte Röte in ihre blassen Wangen zurückkehrt. Doch der Schein trügt, das Mädchen bleibt tot und im letzten Vers wird dem lyrischen Ich diese Tatsache wieder schmerzlich bewusst.
Das Gedicht erinnert mich an „Winternacht“ von Gottfried Keller. Auch dort vermag der Ich-Erzähler die Nixe nicht zu retten, wie auch in Meyers Gedicht die Geliebte nicht ins Leben zurückgeholt werden kann. Auch der Ausspruch in Kellers Gedicht: „Ich vergess das dunkle Antlitz nie“ zeigt eine Ähnlichkeit mit Meyers Gedicht auf, denn dort entreisst er ihr ja den Kelch des Vergessens, weil er sie weder vergessen will noch kann.
In der letzten Strophe findet man ein Wechselspiel der Vokale „a“ und „o“, das durch den Kreuzreim hervorgerufen wird. Der dunkle Vokal „o“ verkörpert den Tod, der Vokal „a „ jedoch erscheint heller und symbolisiert hier das Leben. Durch die Abwechslung der beiden ergibt sich Kampf zwischen Leben und Tod, wobei der Tod am Schluss Oberhand gewinnt.
Worum es sich bei dieser Schar junger Menschen handelt, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Aber ich denke, dass sie alle mit diesem Strom in die Unterwelt, also in den Tod gezogen werden, denn es ist die Rede von Kranzgenossen und davon, dass sie alle aus demselben Kelch trinken. Das zeigt doch, dass sie alle dasselbe Schicksal erleiden. Die Tatsache, dass das Mädchen tot ist, hinterlässt zwar eine grosse Leere beim Leser, aber am Schluss zählt doch auch das Lächeln auf ihren Lippen, welches bedeutet, dass sie, die sich seiner Liebe für sie bewusst ist, in Frieden gestorben ist.
Ursula Zollinger
Als Kind hatte ich immer Angst, meine Eltern würden sterben. Ich träumte es mindestens einmal in der Woche. Mitten in der Nach tappte ich dann zu ihnen ins Schlafzimmer, legte mich in den Graben zwischen ihren Betten und tastete immer wieder nach ihren Händen, um mich zu vergewissern, dass sie noch da waren. Diese Träume ängstigten mich so sehr, ich weiss heute noch, was darin vorkam: Ich küsste meine Eltern und im nächsten Moment stand ich schon mit meinen Geschwistern in der Kirche bei ihrer Beerdigung. Es war, als würden sie verschwinden – wie in Meyers Gedicht.
Schon der Titel vom Meyers Gedicht „Lethe“ (griechisch für „vergessen“) deutet auf die antike Mythologie hin. „Lethe“ heisst der Fluss im Hades, der Unterwelt und Oberwelt trennt. Dorthin gelangt. dem Glauben der alten Griechen zufolge, die Seele nach dem Tod des Körpers. Dieser Fluss entspringt der Wurzel einer weissen Zypresse, wo auch alle freigewordenen Seelen ankommen. Alle durstigen Seelen trinken von Lethe und vergessen dabei alle Erfahrungen des irdischen Lebens.
Meyer widmet Lethe ein ganzes Gedicht mit sieben Strophen in Kreuzreimen. Die erste Strophe beschwört das Bild eines einsamen Bootes auf dem Lethestrom herauf. Meyer visualisiert damit die Unterwelt der griechischen Mythologie. In der zweiten Strophe kommen die freigewordenen Seelen dazu: Knaben mit Lotoskränzen und schlanke Mädchen tummeln sich auf dem Boot. Auch das Wasser des Lethe wird erwähnt, die jungen Leute reichen eine Schale herum, aus der jeder und jede trinkt. In der dritten und vierten Strophe, so dünkt es mich, trifft der Ich-Erzähler auf seine eigene Seele, sieht machtlos zu, wie auch sie von der Flüssigkeit trinkt und sogar als Trinkspruch sagt: „Herz, ich trinke dir Vergessen zu“, was heisst, dass die Seele ihre irdischen Begegnungen für immer wegtrinkt. Plötzlich durchströmt den Erzähler in der vierten Strophe eine Welle von Tatendrang, er entreisst seiner Seele die Schale, wirft sie in die Flut – und muss in der fünften Strophe erkennen, dass es zu spät war. Seine Seele ist tot, die Erinnerungen verschwunden.
Erinnerungen sind das Einzige, was einem niemand wegnehmen kann. Deshalb sind sie meiner Meinung nach das Kostbarste auf der ganzen Welt. Keiner sollte seine Erinnerungen einfach „wegtrinken“, das wäre viel zu schade.
Catherine Wetzstein