Lethe

Jüngst im Traume sah ich auf den Fluten
Einen Nachen ohne Ruder ziehn,
Strom und Himmel stand in matten Gluten
Wie bei Tages Nahen oder Fliehn.

Sassen Knaben drin mit Lotoskränzen,
Mädchen beugten über Bord sich schlank,
Kreisend durch die Reihe sah ich glänzen
Eine Schale, draus ein jedes trank.

Jetzt erscholl ein Lied voll süsser Wehmut,
Das die Schar der Kranzgenossen sang -
Ich erkannte deines Nackens Demut,
Deine Stimme, die den Chor durchdrang.

In die Welle taucht ich. Bis zum Marke
Schaudert ich, wie seltsam kühl sie war.
Ich erreicht’ die leise ziehnde Barke,
Drängte mich in die geweihte Schar.

Und die Reihe war an dir zu trinken,
Und die volle Schale hobest du,
Sprachst zu mir mit trautem Augenwinken:
“Herz, ich trinke dir Vergessen zu!”

Dir entriss in trotzgem Liebesdrange
Ich die Schale, warf sie in die Flut,
Sie versank, und siehe, deine Wange
Färbte sich mit einem Schein von Blut.

Flehend küsst ich dich in wildem Harme,
Die den bleichen Mund mir willig bot,
Da zerrannst du lächelnd mir im Arme
Und ich wusst es wieder – du bist tot.

Conrad Ferdinand Meyer

Als ich das Gedicht von C.F. Meyer zum ersten Mal gelesen habe, bin ich darüber erschrocken, dass die Geliebte am Schluss einfach tot ist, das hätte ich nicht erwartet. Die Schar von Knaben und Mädchen, die da auf dem Strome treibt, kommt mir vor wie eine Verschwörung, und der Kelch, aus dem sie trinken, hat etwas Magisches an sich. Mir ist jedoch der Grund ihres Zusammenseins unklar. Teilen sie alle dasselbe Schicksal oder sind sie es, die das Mädchen in den Tod geleiten?

Die Tote weiss, wie sehr ihr Geliebter unter ihrem Sterben leidet, darum trinkt sie ihm Vergessen zu, um ihm das Leben zu erleichtern. Doch er will sie gar nicht vergessen und will nicht wahrhaben, dass sie gestorben ist. Er entreisst ihr also den Kelch, um sie am Leben zu erhalten. Er meint, mit seiner Liebe ihr Leben zurückgewinnen zu können, und man hat das Gefühl, dass er es auch wirklich geschafft hat, da eine leichte Röte in ihre blassen Wangen zurückkehrt. Doch der Schein trügt, das Mädchen bleibt tot und im letzten Vers wird dem lyrischen Ich diese Tatsache wieder schmerzlich bewusst.

Das Gedicht erinnert mich an „Winternacht“ von Gottfried Keller. Auch dort vermag der Ich-Erzähler die Nixe nicht zu retten, wie auch in Meyers Gedicht die Geliebte nicht ins Leben zurückgeholt werden kann. Auch der Ausspruch in Kellers Gedicht: „Ich vergess das dunkle Antlitz nie“ zeigt eine Ähnlichkeit mit Meyers Gedicht auf, denn dort entreisst er ihr ja den Kelch des Vergessens, weil er sie weder vergessen will noch kann.

In der letzten Strophe findet man ein Wechselspiel der Vokale „a“ und „o“, das durch den Kreuzreim hervorgerufen wird. Der dunkle Vokal „o“ verkörpert den Tod, der Vokal „a „ jedoch erscheint heller und symbolisiert hier das Leben. Durch die Abwechslung der beiden ergibt sich Kampf zwischen Leben und Tod, wobei der Tod am Schluss Oberhand gewinnt.

Worum es sich bei dieser Schar junger Menschen handelt, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Aber ich denke, dass sie alle mit diesem Strom in die Unterwelt, also in den Tod gezogen werden, denn es ist die Rede von Kranzgenossen und davon, dass sie alle aus demselben Kelch trinken. Das zeigt doch, dass sie alle dasselbe Schicksal erleiden. Die Tatsache, dass das Mädchen tot ist, hinterlässt zwar eine grosse Leere beim Leser, aber am Schluss zählt doch auch das Lächeln auf ihren Lippen, welches bedeutet, dass sie, die sich seiner Liebe für sie bewusst ist, in Frieden gestorben ist.

Ursula Zollinger

Als Kind hatte ich immer Angst, meine Eltern würden sterben. Ich träumte es mindestens einmal in der Woche. Mitten in der Nach tappte ich dann zu ihnen ins Schlafzimmer, legte mich in den Graben zwischen ihren Betten und tastete immer wieder nach ihren Händen, um mich zu vergewissern, dass sie noch da waren. Diese Träume ängstigten mich so sehr, ich weiss heute noch, was darin vorkam: Ich küsste meine Eltern und im nächsten Moment stand ich schon mit meinen Geschwistern in der Kirche bei ihrer Beerdigung. Es war, als würden sie verschwinden – wie in Meyers Gedicht.

Schon der Titel vom Meyers Gedicht „Lethe“ (griechisch für „vergessen“) deutet auf die antike Mythologie hin. „Lethe“ heisst der Fluss im Hades, der Unterwelt und Oberwelt trennt. Dorthin gelangt. dem Glauben der alten Griechen zufolge, die Seele nach dem Tod des Körpers. Dieser Fluss entspringt der Wurzel einer weissen Zypresse, wo auch alle freigewordenen Seelen ankommen. Alle durstigen Seelen trinken von Lethe und vergessen dabei alle Erfahrungen des irdischen Lebens.

Meyer widmet Lethe ein ganzes Gedicht mit sieben Strophen in Kreuzreimen. Die erste Strophe beschwört das Bild eines einsamen Bootes auf dem Lethestrom herauf. Meyer visualisiert damit die Unterwelt der griechischen Mythologie. In der zweiten Strophe kommen die freigewordenen Seelen dazu: Knaben mit Lotoskränzen und schlanke Mädchen tummeln sich auf dem Boot. Auch das Wasser des Lethe wird erwähnt, die jungen Leute reichen eine Schale herum, aus der jeder und jede trinkt. In der dritten und vierten Strophe, so dünkt es mich, trifft der Ich-Erzähler auf seine eigene Seele, sieht machtlos zu, wie auch sie von der Flüssigkeit trinkt und sogar als Trinkspruch sagt: „Herz, ich trinke dir Vergessen zu“, was heisst, dass die Seele ihre irdischen Begegnungen für immer wegtrinkt. Plötzlich durchströmt den Erzähler in der vierten Strophe eine Welle von Tatendrang, er entreisst seiner Seele die Schale, wirft sie in die Flut – und muss in der fünften Strophe erkennen, dass es zu spät war. Seine Seele ist tot, die Erinnerungen verschwunden.

Erinnerungen sind das Einzige, was einem niemand wegnehmen kann. Deshalb sind sie meiner Meinung nach das Kostbarste auf der ganzen Welt. Keiner sollte seine Erinnerungen einfach „wegtrinken“, das wäre viel zu schade.

Catherine Wetzstein

Vortragsübung

Ich lege meine zittrigen Finger auf die Tasten und fange an zu spielen. Note für Note, Takt für Takt. Die Melodie des Cellos setzt zu ihrem Gesang an und langsam entspanne ich mich. Ich lausche den sanften Klängen, die aus dem wuchtigen Bauch des Flügels ertönen. Meine Finger heben sich gleichmässig, um sich darauf bestimmt auf die nächste Taste niederzulassen. Obwohl ich den Blick immer wieder auf die Doppelseite vor mir hefte, schaue ich die Noten nur unbewusst an. Ich kenne das Stück ja. Jedem Leitton folgt eine Auflösung. Noch bevor ich die Note anschlage, höre ich ihren Klang bereits. Es ist ein Spiel mit einem perfekten Drehbuch zwischen meinen Händen und dem Bogen, der die Seiten des Cellos streichelt.

Plötzlich straucheln meine Finger, sie gehorchen mir nicht mehr und gehen ihren eigenen Weg. Einen Weg, den ich so nicht kenne. Das monotone Schaukeln der Klänge weicht einem unkontrollierten Auf und Ab. Dem schweren Körper des Flügels entflieht ein harmonieloser Akkord, welcher mich endgültig aus meinem Trancezustand weckt. Mein Herz beginnt zu rasen. Krampfhaft suche ich die Stelle, an der ich mich verloren habe. Ich spüre, wie das altbekannte Zittern meine Finger übermannt und ich endgültig den Überblick verliere. Weder meine Finger gehorchen mir, noch ist es mir möglich die Noten zu entziffern. Die Schrift, der ich mich seit Jahren widme, ergibt plötzlich keinen Sinn mehr. Und obwohl ich mir so sicher war, jeden Takt zu kennen, sieht einer plötzlich aus wie der andere: Vier Gruppen, die aus jeweils vier Notenpäckchen bestehen. Verzweifelt versuche ich wenigsten der Basslinie zu folgen um meine Partnerin nicht zu verwirren. Doch wo einsetzen? Jede Note, die ich anschlage, stört die singende Obermelodie des Cellos und spannt meine blanken Nerven noch etwas mehr. Als ob mich die Musik für meine Unachtsamkeit bestrafen möchte, schmerzt jeder Ton die Ohren der Zuhörer. Ich spüre die mitleidigen Blicke. Langsam werden meine Handflächen feucht. Kleine Schweissperlen zieren meine Stirn und ich habe das ungute Gefühl, mich übergeben zu müssen. Die fortlaufende Melodie fordert meine ganze Konzentration. Ich versuche die Klänge, welchen ich schon so oft gelauscht habe, einzuordnen. Ich will sie in Zusammenhang mit diesem unverständlichen Wirrwarr von Noten, Längs- und Querstrichen bringen. Es will mir nicht gelingen. Obwohl es mich schon viel kostet, die Kontrolle über meinen von Adrenalin geplagten Körper zu gewinnen, schaffen es meine Gedanken noch, mich zu schelten. Mich daran zu erinnern, nicht genug geübt zu haben. Sie schaffen es, mich meiner tiefsten Angst auszuliefern, ihr Platz zu machen. Mein Kopf erlaubt es ihr, meinen Körper einzunehmen. Irgendwann gelingt mir ein Wiedereinstieg. Ich folge den Noten, lausche den Klängen. Doch es hört sich nicht gut an. Mein Körper will mir immer noch nicht gehorchen. Ich atme unregelmässig, kämpfe weiterhin gegen die Übelkeit. Klavier und Cello sind wieder Eins geworden, doch es ist kein Gesang mehr. Wie ein Mechanismus spielen die Klänge ihr Spiel.

Die letzte Taste hebt sich. Ich stehe auf, nehme das Doppelblatt und stelle mich vor den Flügel, dessen Grösse mir auf einmal unproportional und übertrieben erscheint. Ich verneige mich vor den bedauernden Gesichtern, lächle ihnen beschämt entgegen und verlasse den Saal. Kaum habe ich die Tür hinter mir, laufen mir Tränen über die Wangen. Ich habe versagt.

Lina Müller

Die Tücken beim Radfahren – Von hupenden Autofahrern in Gotha

Uns allen ist bekannt, dass Fahrradfahren Gleichgewicht, Koordinationsvermögen und Ausdauer verlangt. Jüngst habe ich festgestellt: Diese Sport- und Fortbewegungsart hat auch mit Präpositionen zu tun.

Fährt man in der Schweiz „Velo“ und man wird „angehupt“, hat man sich verkehrstechnisch „daneben“ verhalten. Ein selbst ernannter Pädagoge findet sich immer, der einen lautstark auf das eigene Fehlverhalten hinweist. Ertönt das gleiche Hupgeräusch, wenn Frau in Italien auf ihrer „bicicletta“ fährt, drückt bestimmt ein maskuliner Autofahrer seine Begeisterung über die Anatomie des anderen Geschlechts aus.

Als ich nun in Gotha auf mein „Velo“ gestiegen bin, erhielt ich ein kleines Hupkonzert. Nun befinde ich mich zwar laut Galletti in Italien. Dennoch interpretierte ich den Klang als freundlichen Hinweis darauf, mich doch bitte korrekt auf meinem Fahrrad (nicht „Velo“) zu verhalten. „Ja, gerne, sofort, aber wie?“

In der Schweiz ist der Fahrradweg auf der Strasse durch eine sauber gezogene Linie von der Autofahrbahn abgetrennt. Fehlt diese, darf der zweirädrige Verkehrsteilnehmer mit dem rechten Straßenrand Vorlieb nehmen. Verboten und verpönt ist das Fahren auf Gehwegen (darum nennt man sie ja auch nicht „Fahrwege“).

In Gotha ist der Fahrradweg, so glaube ich, verstanden zu haben, rot gekennzeichnet (gleich nach meiner Ankunft in der Bahnhofstrasse gesichtet). Manchmal ist auch ein weißes Fahrrad auf dem Boden gezeichnet. Meist gibt es jedoch keine lesbaren Angaben dazu, wo Fahrradfahrer sich fortbewegen sollen. Ab und an sieht man sogar auf einem Gehweg rote Bereiche. Handelt es sich dabei um „Fahrwege“?

Weil ich als Ortsfremde unbedingt alles richtig machen möchte, habe ich einmal auf einem Bürgersteig eine solch „rote Spur“ verfolgt. Auf einmal, und zwar ohne Vorwarnung, war der rote Streifen abgebrochen. Vollbremse, absteigen, Fahrrad in die Luft heben, auf die Strasse setzen, aufsitzen, weiterfahren. Ein Lautes Hupen ertönte. „Ja, was denn nun?“ Etwas weiter vorn stand an einer Straßenecke beim „Trottoir“, äh, beim Gehweg, das Fahrradzeichen, darunter las ich im Vorbeiflitzen das Wort „frei“.

Fahrradfahren hat in Gotha mit Präpositionen zu tun. Und so warte ich denn auf eine Eingebung, die mir verraten wird, ob das Schild frei „von“ oder frei „für“ Fahrräder meint. Unterdessen bitte ich alle Gothaer Autofahrerinnen und –fahrer um Geduld mit jener Radlerin aus dem bergigen Süden, die es noch immer nicht besser weiß.

von Claudia Engeler, erschienen in der Thüringer Allgemeine, 7. Mai 2009

Mann und Tod

Gottfried Keller: Abendlied

Augen, meine lieben Fensterlein,
Gebt mir schon so lange holden Schein,
Lasset freundlich Bild um Bild herein:
Einmal werdet ihr verdunkelt sein!

Fallen einst die müden Lider zu,
Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh;
Tastend streift sie ab die Wanderschuh,
Legt sich auch in ihre finstre Truh.

Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn
Wie zwei Sternlein, innerlich zu sehn,
Bis sie schwanken und dann auch vergehn,
Wie von eines Falters Flügelwehn.

Doch noch wandl ich auf dem Abendfeld,
Nur dem sinkenden Gestirn gesellt;
Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,
Von dem goldnen Überfluß der Welt!

Sarard Widmaier:
Das Gedicht „Abendlied“ wirkt auf mich etwas melancholisch. Es weckt das Bild eines alten, weisen Mannes, der eine wunderschöne Aussicht auf die weite Welt hat, diese in vollen Zügen geniesst, aber realistisch bleibt und weiss, dass das, was er sieht, nur so schön ist, weil es nicht dauert und er irgendwann sterben wird. Verstreicht bis zu diesem Irgendwann noch viel Zeit? Oder beschreibt dieses Gedicht die letzten Augenblicke im Leben dieses Mannes?

Mit einem sehr einfachen Reimschema (aaaa, bbbb, cccc, dddd) werden Leben und Tod aus dem „Blickwinkel“ der Augen beschrieben: Was sie noch sehen, bevor die Seele Ruhe findet und was der Mensch vom goldenen Überfluss der Welt noch mitbekommt. Die Metaphern sind bildhaft, ich kann mich gut in das lyrische Ich versetzen.

In der ersten Strophe ist von den Augen wie von zwei guten Kameraden die Rede, welche einen Tag für Tag durch das Leben begeleiten und dabei unbezahlbare Dienste leisten. Doch schon in der vierten Zeile wechselt der Autor von der sehr heiteren Beschreibung des Sehens zu einer düsteren Zukunftsaussicht: Einmal werdet ihr verdunkelt sein! Die nächsten zwei Strophen handeln dann vom Tod und damit vom Erlöschen der Sehkraft. Spannend ist, dass der Tod erst als eine Folgeerscheinung dieses Erlöschens eintritt. Erst wenn man nichts mehr sehen kann, hat die Seele Ruhe. Was mich verblüfft, ist, dass der Autor so präzise beschreibt, wie die letzten paar Atemzüge, die ein Mensch vor seinem Tod macht, durch dessen Augen wahrgenommen werden, als ob er dies schon einmal erlebt hätte. Das ist ein Widerspruch zur vierten Strophe, wo er fast trotzig verkündet: „Doch noch wandl ich auf dem Abendfeld“. Hier deute ich das Abendfeld und das sinkende Gestirn als einen Hinweis auf den bald eintretenden Tod des Mannes.

Ich glaube, dass dieser Mann, von dessen Eindrücken der Autor Gottfried Keller berichtet, spürt, dass seine Zeit gekommen ist und er sich noch ein letztes Mal in den Sinn ruft, wie dankbar er für die schönen Dinge, welche er während seines Lebens erleben und vor allem sehen durfte, sein muss. Dieses Gedicht ist eine wunderbare Beschreibung dessen, was im Leben wirklich wichtig ist, nämlich die Sinne, die wir haben, und dass wir nur „leben“, weil wir unser „Leben“ mit ihnen überhaupt erst wahrnehmen können. Man sollte die mit ihnen gewonnenen Eindrücke bis zu seinem Tod bewahren, und sie zu schätzen wissen, eben genau, weil sie nur von kurzer Dauer sind.

Drei Frauen über Mann und Nixe

Gottfried Keller: Winternacht

Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,
Still und blendend lag der weiße Schnee.
Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,
Keine Welle schlug im starren See.

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,
Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;
An den Ästen klomm die Nix herauf,
Schaute durch das grüne Eis empor.

Auf dem dünnen Glase stand ich da,
Das die schwarze Tiefe von mir schied;
Dicht ich unter meinen Füßen sah
Ihre weiße Schönheit Glied um Glied.

Mit ersticktem Jammer tastet’ sie
An der harten Decke her und hin –
Ich vergeß das dunkle Antlitz nie,
Immer, immer liegt es mir im Sinn!

Anouck Aschmann:
Das Gedicht von Keller hat etwas Magisches und Mystisches an sich. „Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt“ – bei diesem Satz erinnert man sich an die Tage, wo der erste Schnee gefallen ist und alle Geräusche der Welt verschluckt hat. Eine Stille, in der einen das Gefühl überkommt, dass man der einzige Mensch auf Erden sei. Der gefrorene See und die sternenklare Nacht lassen einen an einen weit entfernten Ort denken, frei vom Smog der Stadt. Das Bild der Nixe, das in der Tiefe des Sees zu erkennen ist, wirft die Frage auf: Ist alles nur ein Traum?

Die Anapher im ersten Vers des Gedichts, „nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt“, „nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt“, unterstreicht die Stille und die Klarheit der Nacht. Die Stille wird auch durch „Keine Welle schlug im starren See“ betont. Die Wiederholung von „Eis“ lässt das Gefühl von Kälte stärker wirken. Das lyrische „Ich“ ist eine geheimnisvolle Person, die mitten in der Nacht, mutterseelenallein auf einem gefrorenen See steht. Dies strahlt Einsamkeit aus. Das „Grün“, mit dem das Eis beschrieben wird, wirkt giftig und unheimlich.

Die Wörter „herauf“ und „empor“ beschreiben, wie sehr die Nixe sich sehnt, durch das Eis an die Oberfläche zu gelangen. Auch der erstickte Jammer im letzten Vers deutet darauf hin. Der Gegensatz der schwarzen Tiefe und der weissen Schönheit zeigt den starken Kontrast zwischen der Nixe und dem dunklen Wasser des Sees. Die Nixe, die weisse Schönheit, könnte auch an eine Tote erinnern, eine Leiche, die langsam an die Oberfläche treibt. Den erstickten Jammer kurz vor ihrem Tod sieht man noch an ihrem Gesichtsausdruck. Die Wiederholung „immer, immer“ im letzten Satz des Gedichtes verleiht der Begegnung der unbekannten Person mit der Nixe eine Spur von Unendlichkeit.

Dieses Gedicht strahlt Mystik und Magie aus, welche durch eine unendliche Hilflosigkeit und Ohnmacht überschattet werden. Die Nixe, eine weisse Schönheit, ist gefangen unter einer Eisschicht, die nicht zu durchbrechen ist. Das lässt einen erschaudern. Die Gewissheit, dass die Nixe nie an die Oberfläche gelangt, beschreibt eine Beziehung, die nie zustande kommt. Dies zeigt eine negative Seite des Gedichts, die man erst erkennt, wenn man es auf sich wirken lässt. Es könnte sich um einen schönen Traum handeln, der sich am Schluss in einen Alptraum verwandelt, aus dem man mit einem Schreck erwacht. Das Gedicht ist fesselnd, geheimnisvoll und hinterlässt eine bittere Enttäuschung.

Anna-Magdalena Carl:
Kellers Gedicht Winternacht lässt mich schaudern. Bei den Schnee- und Eisschilderungen möchten mir die Hände abfrieren (und das Herz auch). Schon im ersten Satz erstarrt die ganze Welt: „Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt“. Das Gedicht ist von kristallener Schönheit. Die ersten drei Strophen muten wie ein Wintermärchen an. In der letzten Strophe entpuppt sich der Märchentraum als Albtraum. Bereits in den ersten drei Strophen künden sich dunkle Vorboten an. Der See ist starr, der Baumwipfel gefriert im Eis, die Tiefe ist schwarz. Was will uns Keller damit sagen?

Alle Verben, ausser den letzten beiden, sind im Präteritum geschrieben. Das bringt eine unwiderrufliche, einmalige „Abgeschlossenheit“. Nur die letzten beiden Verse stehen im Präsens. Alles ist dem Dichter noch präsent. Die Versfüsse sind trochäisch. Sie fallen schwer – im Gegensatz zu den bewegten Jamben in Goethes Der Fischer In der ersten und letzten Strophe überwiegen die Vokale „e“ und „i“ (Eis!). In den mittleren Strophen, wo sich der Abgrund des dunklen Sees auftut, kommen die Vokale „o“ und „u“ vermehrt vor.

Ein immer wiederkehrendes Thema bei Gottfried Keller ist das Bild des lebendig Begrabenseins. Es begegnete mir bereits in der Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe – Kinder begraben dort eine lebendige Fliege in einem Puppenkopf – und im Gedicht Lebendig begraben. Die Nixe in Kellers Wintergedicht ist unter dem Eis eingesperrt. Die Eisschicht ist dünn wie Glas, und trotzdem sieht der machtlose Mann (das lyrische Ich) keine Mittel und Möglichkeiten die Frau aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Mit einem Stein liesse sich das dünne Eis zerbrechen, oder der Mann könnte den Frühling abwarten, und „seine“ Nixe bekommen. Aber die Nixe bleibt ein Elementarwesen, und der Mann ein Mensch, und die Kluft zwischen beiden Welten ist unüberbrückbar. Es ist kein Zusammenkommen möglich, jedes bleibt für das andere unerreichbar. Gottfried Keller erlebte nie eine erfüllte Beziehung zu einer Frau. Seine Braut, eine Pianistin, nahm sich wenige Wochen nach der Verlobung das Leben.

Nachdem ich mich länger mit diesem Gedicht befasst habe, in Kellers Biografie gelesen, und mit anderen Menschen Gedanken ausgetauscht habe, hat sich mein erster Eindruck bestätigt. Tatsächlich liegt hinter dem erstarrten Bild eine traumatische Erfahrung. Ein letzter Blick zurück auf den Titel zeigt es ebenfalls: Der Winter ist ein Symbol für den Tod, die Nacht steht für die dunkeln Seiten der Biografie.

Aila Oberholzer:
Gottfried Kellers Gedicht „Winternacht“ wirkt auf mich sehr beklemmend, jedoch auch geheimnisvoll und irreal. Meine Frage ist, woraus sich dieses Empfinden ergibt.

Kellers Text malt Bilder von Kontrasten, zum einen die Stille am Anfang des Gedichts, in der nichts zu leben vermag, zum andern dann umso überraschender das Erscheinen der wunderschönen Nixe. Ein Gegensatz von Anfang und Ende ist ebenfalls in der Gestaltung der Vokale hörbar. Anders als am Schluss des Textes verwendet Keller zu Beginn sehr oft den Vokal „i“, dieser wirkt sehr scharf und durchdringend, fast so als wäre es der Vokal selbst, der anstelle der Wipfels aus dem Wasser aufsteigt.
Geheimnisvoll wirkt da auch die Tiefe, aus welcher der Seebaum auftaucht. Sie verkörpert das Ungewisse, die Spannung und die Neugier auf das, was sich sonst noch dort unten verstecken mag.
Die gleich darauf erscheinende Nixe wirkt realitätsfern. Auch die fast ausbleibende Reaktion des lyrischen Ichs scheint nicht verständlich und verunsichert. Der dunkle Vokal „o“ in „klomm“ ist eine ungewohnte Veränderung gegenüber dem hellen „i“. Er lässt den Leser Unheilvolles ahnen und schafft ein beklemmendes Gefühl.

Es stellt sich mir die Frage, warum und wie der gute Mann einfach so, ohne zu handeln oben auf der für ihn so dünnen Eisschicht weilen kann. Hat er denn kein Herz für die Nixe, die unter ihm in ersticktem Jammer hin und her irrt? Sie, für die das Eis so hart erscheint, fleht ihn doch mit ihren verzweifelten Bewegungen gerade zu an zu handeln. Meines Erachtens wäre es nur anständig, eine gefangene Schönheit zu befreien, und es missfällt mir sehr, lesen zu müssen, dass er dies nicht einmal in Erwägung zieht.
Das Gedicht wirkt für mich nicht mehr beklemmend, nein, ich bin richtig empört über den keineswegs männlichen Auftritt des lyrischen Ich. Ich finde es eine Frechheit, wie er es nach der ausbleibenden Befreiung auch noch wagt, in den letzten zwei Versen sich selbst zu bemitleiden. Das dunkle Antlitz liege immer in seinem Sinne, meint er. Ich frage mich da, warum er nicht wie ein echter Gentleman eine Befreiungsaktion vom Feinsten gestartet und die wunderschöne Nixe danach geheiratet hat. Möglicherweise wäre sie dann von ihrem dunklen Antlitz befreit, und er litte nicht an dem schrecklichen, aber selbstverschuldeten Trauma.

veröffentlicht von Hans-Martin Hüppi