Matura

Nicht nur Zwischenprüfungen stehen im Unterstrass an, nein auch – seht her, seht her – die Matura. Allerdings, so scheint es, wird der Matura einen weit geringeren Stellenwert zugewiesen als der Zwischenprüfung. Klar, Zweitklässler sind ja auch noch ein bisschen jünger, brauchen hie und da Betreuung beim freien Lernen und somit ist ein Konzept wie Lernbüro sicher nicht daneben gegriffen. Aber freie Räume zum Lernen hätten den Maturanden ganz gerne zur Verfügung gestellt werden dürfen, auch die eine oder andere Lehrperson hätte keineswegs geschadet – weder dem allgemeinen Materie-Verständnis noch dem Portemonnaie. Und so hat halt schon fast die Hälfte aller Schüler Nachhilfeunterricht besucht. Man kann es sich ja leisten.
Thierry Seiler

Maturstücke

Nirgends im Gymnasium wird so intensiv gearbeitet wie im Instrumentalunterricht. Die Begegnungen und Auseinandersetzungen zwischen Lehrenden und Lernenden sind intensiver, als sie anderswo sein können. Die Wirkungen (das zeigen neurobiologische Studien von Lutz Jäncke und Gerhard Neuweiler) sind tief und nachhaltig. Im Schulalltag freuen wir uns immer wieder über Proben musikalischen Könnens. Das Zeugnis der musikalischen Reife, das „Maturstück“, zu hören war bisher den Experten vorbehalten.
Dank Eliane Cottier und Andreas Gohl ist das nun anders: Am 25 und 26. Juli haben die Maturandinnen und Maturanden (die einen in Unterstrass, die andern in der Kapelle des Theodosianums) unter ihrer Leitung gezeigt, was sie können – auf verschiedenen Stufen (bis zum Doctor Gradus ad Pernassum) mit bewundernswertem Einsatz. Immer wieder kam es vor, dass die Zuhörenden alles um sich her vergassen und zum Beispiel ein Nocturne von Chopin so erlebten, als begegne es ihnen zum ersten und einzigen Mal. Hoffen wir mit den jungen Künstlerinnen und Künstlern, dass es ihnen auch an der Prüfung so gelinge!

Lernbüro, erste Auflage

[nggallery id=3]Soeben zu Ende gegangen: Die ersten vier Wochen Lernbüro in Unterstrass. An einem eigenen Arbeitsplatz lernen; von dort aus in Stunden gehen, das Lernen im Voraus planen, mit andern zusammen oder ganz allein im «Lesesaal» arbeiten -  kurz: sich  mit mehr Eigenverantwortung auf die Zwischenprüfung vorbereiten. Das war Idee und Sinn dieser «Unterrichtsform».
Ich bedanke mich bei allen für das Ausfüllen der Auswertung – wir sind gespannt auf Ihre Rückmeldungen. Und ich bedanke mich bei der engagierten Schülercrew, die den Versuch mit uns Lehrpersonen mitgeplant und mitgesteuert hat (Dave, Deleila, Daniela, Julia – aber auch Annina und Dimitri aus der ersten Klasse).
Viel Glück bei der Zwischenprüfung!
Jürg Schoch

Dieses tiefe, geheimnißvolle Tosen

„O Täler weit, o Höhen,
O schöner, grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächt’ger Aufenthalt!
Da draußen, stets betrogen,
Saust die geschäft’ge Welt,
Schlag noch einmal die Bogen
Um mich, du grünes Zelt!“
Joseph von Eichendorff: Aus „Abschied“ (1810)

„Aber vor Allem anziehend war für das Heidi an solchen Windtagen das Wogen und Rauschen in den drei alten Tannen hinter der Hütte. Da mußte es immer von Zeit zu Zeit hinlaufen von allem Andern weg, was es auch sein mochte, denn so schön und wunderbar war gar Nichts wie dieses tiefe, geheimnißvolle Tosen in den Wipfeln da droben; da stand Heidi unten und lauschte hinauf und konnte niemals genug bekommen zu sehen und zu hören, wie das wehte und wogte und rauschte in den Bäumen mit großer Macht.“
Johanna Spyri: Aus „Heidi’s Lehr- und Wanderjahre.“ (1880)

Rund 40 Jahre liegen zwischen den Geburtsdaten der beiden Schriftsteller. Spyri könnte Eichendorffs Tochter sein. Die Gemeinsamkeiten sind auffällig. Schwieriger zu beantworten, ist die Frage: Wo liegen die Unterschiede?

Beide Texte zeigen den Gegensatz von Stadt und Land. Die Autoren empfinden die Landschaft und den Wald mit den rauschenden Bäumen als heilvollen und wahren Ort für den Menschen. Die Bäume lehren die Menschen das „rechte Tun und Lieben.“ Sowohl Heidi auf der Alp wie auch das lyrische Ich in Eichendorffs Gedicht sind mit dem innersten Herzen der Natur verbunden. Die Stadt, die Kultur ist die „Fremde“. „Drinnen im Studierzimmer“ lässt Spyri Heidi sämtliche Schulsachen zu Boden werfen und sie dem vermeintlichen Rauschen der Tannen folgen. Damit erklärt Spyri den Unterricht des Herrn Candidaten der Natur weit untergeordnet. Die Studierstube in Frankfurt ist eng und beschränkt im Gegensatz zur Weite der Natur. Auch Eichendorff ist überzeugt, dass der Wald die Menschen das Richtige lehrt.
Während Eichendorff die Welt als „betrogen“ bezeichnet, ist es bei Spyri – wenn wir die ganze Geschichte kennen – der Alp-Öhi, der die Dorfbewohner verlogen nennt und sie meidet. Die Welt bei Eichendorff saust in Geschäftigkeit, und das Leben auf der Alp kann mit dem Tempo der Industrialisierung ebenfalls nicht Schritt halten. Mit der Eisenbahn bringt Dete Heidi nach Frankfurt.
Sowohl Eichendorff wie auch Spyri sehen in der Natur etwas Religiöses: Bei Eichendorff werde ich an Bilder von Caspar David Friedrich erinnert. Der Mensch findet Andacht und Auferstehung in der unberührten Natur. Für Spyri ist das Tannenrauschen wunderbar, tief und geheimnisvoll.
Wenn man das Gedicht mit der ganzen Geschichte vergleicht, so merkt man, dass beide Autoren dafür einstehen, die beiden Pole Stadt und Land, Natur und Kultur, Erfahrung und Bildung zu vereinen. In der ersten Strophe beschreibt Eichendorff die Welt als betrogen und geschäftig. In der vierten Strophe zeigt er sich der Welt gegenüber offener: die Gassen der Stadt sind bunt und bewegt, das Leben dort bleibt jedoch ein vereinsamendes Schauspiel.
Auch in der Geschichte von Heidi möchte man die Idylle der Alp zunächst nicht verlassen, und merkt erst später, welchen Gewinn Heidi für sich und die anderen Menschen erreicht.
Ein einseitiges Verharren in der Natur würde höchstens zu altmodischer Schwärmerei führen.
Wenn man beides vereinen kann, bleibt man „im Herzen jung.“

Als deutscher Romantiker schreibt Eichendorff noch pathetischer und weniger konkret. Der Schritt, das Stadtleben voll zu begrüssen, gelingt in diesem Gedicht noch kaum.
Spyri hingegen vereint ihre klugen Gedanken mit feinsten Beobachtungen aus dem alltäglichen, schweizerischen Leben.

Anna-Magdalena Carl

Belvoir

Es ist Mittagszeit. An uns rauschen elegant gekleidete Geschäftsleute vorbei, unter dem einen Arm die schwarze Aktentasche, unter dem anderen das Mittagessen, fein säuberlich verpackt vom Chinesen nebenan. Zeit ist Geld. Absätze klacken, Räder quietschen und irgendwo in der Ferne heulen Sirenen. Kein Bus und kein Tram führt an unser Ziel. Zu Fuss kämpfen wir uns weiter, queren eine riesige Betonkreuzung, doch gleich dahinter grünt es.
Durch ein weit geöffnetes Tor gelangen wir in eine grüne Oase. Ein paradiesischer Ort, so will uns scheinen.

Ein mit Kieselsteinen bedeckter Pfad führt die Besucher vorbei an den verschiedensten Gewächsen, jedes liebevoll zurechtgestutzt und gepflegt. Auf einem kleinen Hügel steht das Prachtstück des Gartens, eine wundeschöne Villa, genutzt von einer kleinen Hotelfachschule. Im unteren Teil des Parks, nahe einer tiefblauen Quelle, steht einer der ersten Mammutbäume der Schweiz. Er zeugt von den Geschehnissen in der Villa Belvoir noch bevor Weltkriege für möglich gehalten wurden. 1826 kaufte Heinrich Escher- Zollikofer das Grundstück, worauf er die Villa Belvoir zusammen mit der Parkanlage bauen liess. Sein Sohn Alfred erbte das Anwesen, auf dem er im Gegensatz zu seinem Vater, welcher im Garten oft tatkräftig mithalf, vor allem wohnte. Alfred Escher war damals einer der einflussreichsten Männer Zürichs, Mitbegründer der Kreditanstalt, der Rentenanstalt und sogar der ETH. Seine grösste Leistung war jedoch der Bau der Gotthardbahn. Aus der Ehe mit Auguste von Uebel ging die einzige Tochter Lydia hervor. Zu ihrer Geburt wurde der Mammutbaum im Jahre 1858 gepflanzt. Somit muss er einer der ältesten überhaupt in der Schweiz sein, denn erst im Jahre 1856 kamen diese Bäume nach Europa. Unglücklicherweise verlief ihr Leben nicht so makellos wie man beim Betrachten dieses üppigen Baumes denken könnte. Am Ende landete sie in der Irrenanstalt. Vor ihrem Tod vermachte sie die Villa mit dem Park und dem ganzen Vermögen der Gottfried-Keller-Stifung.

Offensichtlich trügt der paradiesische Schein dieses Ortes. Tragische Schickschale vollzogen sich in diesem wunderschönen Park in der Nähe des Zürichsees. Für mich ist es aber ein Naherholungsgebiet der Extraklasse. Nach dem Besuch stellten wir uns ausgeglichen und erholt dem Treiben der Stadt. Schön, konnte dieser grüne Fleck inmitten von Zürich erhalten bleiben.

Sarah Ritter

Zur Erinnerung an Thomas Schweingruber, 108. Pr.

Der Abend wechselt langsam die Gewänder,
die ihm ein Rand von alten Bäumen hält;
du schaust: und von dir scheiden sich die Länder,
ein himmelfahrendes und eins, das fällt;

und lassen dich, zu keinem ganz gehörend,
nicht ganz so dunkel wie das Haus, das schweigt,
nicht ganz so sicher Ewiges beschwörend
wie das, was Stern wird jede Nacht und steigt –

und lassen dir (unsäglich zu entwirrn)
dein Leben bang und riesenhaft und reifend,
so daß es, bald begrenzt und bald begreifend,
abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.

In den Minuten vor der schweren Operation sei ihm dieses Gedicht eingefallen, so sagte mir Thomas vor einiger Zeit am Telefon. Er habe es im Deutschunterricht auswendig gelernt, aber wohl nur zum Teil verstanden. Nun, in dem schweren Augenblick, habe es ihm Zuversicht verliehen. Wir haben noch ein paar Male miteinander gesprochen. Immer spürte ich seinen tiefen Ernst und seine gelassene Zuversicht. Am Pfingstmontag, dem 1. Juni 2009, ist er an Krebs gestorben.

Bei Lichte besehen

Bekanntlich kann man sich seine Freunde aussuchen, die Familie jedoch nicht. Trotzdem wächst man in der Regel bei den Eltern auf und hat sie zu lieben. Was Theodor Fontane von seinen Familienerlebnissen erzählt, liess mich über so mancher klischeebehaftete Aussage schmunzeln. Treffend und detailgetreu, aber nicht überspitzt schildert er die Zeit im Leben, in welcher ich mich momentan wiederfinde. Wo sind die Unterschiede zwischen der vom Erzähler geschilderten Kindheit nach „alter Schule“ und der meinigen?

Anfangs scheint die Familie zerrissen. Die Mutter muss sich in einer Nervenklinik erholen, und der Vater übernimmt die Verantwortung für den Sprössling. Fast naiv trifft er schwerwiegende Entscheidungen wie diejenige der Schulwahl: „Da diese Stadtschule die einzige ist, so ist sie auch die beste.“ Doch als die Mutter nach Hause kommt, revidiert sie seine leichtsinnige Entscheidung. Von nun an schreibt der Autor nicht mehr nur alleine aus eigener Erfahrung, sondern lässt auch die Figuren zu Wort kommen. Die Eltern sind nämlich nicht mehr nur die Erziehungsberechtigten, sondern auch seine Lehrer. Zwar ist der Vater Apotheker und keinesfalls Absolvent des Seminars Unterstrass, doch die von der Frau des Hauses hervorgerufene Notlage zwingt ihn in die entsprechende Rolle. Seitenlang berichtet der zu belehrende Sohn von seinen damaligen Erlebnissen. Ich staune, dass das funktioniert hat. Von meinem Vater lasse ich mich nicht belehren. Es ist nicht so, dass es sich hierbei um fehlenden Respekt handelt oder um eine pubertierende Revolte, nein, aber genauso wie mir ein täglicher Tapetenwechsel gut bekommt, schätze ich verschiedene Meinungen und Ansichten. Diejenigen meiner Eltern sind mir schliesslich schon seit bald zwanzig Jahren geläufig.

Im zweiten Teil des Textes springt der Erzähler vierzig Jahre in die Zukunft. Als nicht mehr ganz junger Mann besucht er seinen Vater noch einmal im Jahr. Im Sommer 1867 handelt es sich um einen ganz normalen, alljährlichen Besuch, jedoch auch um den letzten. Mit seiner Haushälterin wohnt der Senior in einem Haus „klein aber mein“ und verdient sich etwas mit „Steine ausbuddeln lassen“ dazu. Für mich ist „lassen“ ein typisches Wort zur Beschreibung des Vaters. Er hat sich immer schon als intelligenten Mann gesehen. Das ist er nicht wirklich, aber er hat ein gutes Händchen, konnte diese Unwahrheit überdecken und trotzdem seine Ziele zu erreichen. Auch Geld spielt dabei eine Rolle: „…wenn man was hat, dann soll man’s festhalten. Geld ist doch was, ist eine Macht.“ Gleichzeitig erscheint mir der Vater aber auch als herzensguter, genussfroher Mensch, zufrieden mit dem Verlauf seines Lebens und dem Erzählen der Geschichten von damals. Was mir besonders gut gefallen hat, ist folgende Äusserung des Vater über seine Haushälterin, Luise, welche er kurz zuvor als dumm bezeichnet hat: „…bei Lichte besehn, ist alles mal schrecklich, und es wäre ungerecht, wenn ich gerade von Luise den Ausnahmefall verlangen wollte“.

Zurück zu meiner Frage. Mein ursprüngliches Gefühl, unsere Kindheiten seien total verschieden, hat sich überhaupt nicht bestätigt. Im Nachhinein sehe ich viel liebevolle Wärme des Vaters Fontane, welche ich glücklicherweise heute auch erleben darf. Trotzdem ich es nicht befürworte, vom Vater unterrichtet zu werden, bewundere ich die zusätzliche, intensive Aufgabe, welche dieser Mann auf sich genommen hat, immer das Beste für den Sohn anstrebend.

Sarah Ritter