Bekanntlich kann man sich seine Freunde aussuchen, die Familie jedoch nicht. Trotzdem wächst man in der Regel bei den Eltern auf und hat sie zu lieben. Was Theodor Fontane von seinen Familienerlebnissen erzählt, liess mich über so mancher klischeebehaftete Aussage schmunzeln. Treffend und detailgetreu, aber nicht überspitzt schildert er die Zeit im Leben, in welcher ich mich momentan wiederfinde. Wo sind die Unterschiede zwischen der vom Erzähler geschilderten Kindheit nach „alter Schule“ und der meinigen?
Anfangs scheint die Familie zerrissen. Die Mutter muss sich in einer Nervenklinik erholen, und der Vater übernimmt die Verantwortung für den Sprössling. Fast naiv trifft er schwerwiegende Entscheidungen wie diejenige der Schulwahl: „Da diese Stadtschule die einzige ist, so ist sie auch die beste.“ Doch als die Mutter nach Hause kommt, revidiert sie seine leichtsinnige Entscheidung. Von nun an schreibt der Autor nicht mehr nur alleine aus eigener Erfahrung, sondern lässt auch die Figuren zu Wort kommen. Die Eltern sind nämlich nicht mehr nur die Erziehungsberechtigten, sondern auch seine Lehrer. Zwar ist der Vater Apotheker und keinesfalls Absolvent des Seminars Unterstrass, doch die von der Frau des Hauses hervorgerufene Notlage zwingt ihn in die entsprechende Rolle. Seitenlang berichtet der zu belehrende Sohn von seinen damaligen Erlebnissen. Ich staune, dass das funktioniert hat. Von meinem Vater lasse ich mich nicht belehren. Es ist nicht so, dass es sich hierbei um fehlenden Respekt handelt oder um eine pubertierende Revolte, nein, aber genauso wie mir ein täglicher Tapetenwechsel gut bekommt, schätze ich verschiedene Meinungen und Ansichten. Diejenigen meiner Eltern sind mir schliesslich schon seit bald zwanzig Jahren geläufig.
Im zweiten Teil des Textes springt der Erzähler vierzig Jahre in die Zukunft. Als nicht mehr ganz junger Mann besucht er seinen Vater noch einmal im Jahr. Im Sommer 1867 handelt es sich um einen ganz normalen, alljährlichen Besuch, jedoch auch um den letzten. Mit seiner Haushälterin wohnt der Senior in einem Haus „klein aber mein“ und verdient sich etwas mit „Steine ausbuddeln lassen“ dazu. Für mich ist „lassen“ ein typisches Wort zur Beschreibung des Vaters. Er hat sich immer schon als intelligenten Mann gesehen. Das ist er nicht wirklich, aber er hat ein gutes Händchen, konnte diese Unwahrheit überdecken und trotzdem seine Ziele zu erreichen. Auch Geld spielt dabei eine Rolle: „…wenn man was hat, dann soll man’s festhalten. Geld ist doch was, ist eine Macht.“ Gleichzeitig erscheint mir der Vater aber auch als herzensguter, genussfroher Mensch, zufrieden mit dem Verlauf seines Lebens und dem Erzählen der Geschichten von damals. Was mir besonders gut gefallen hat, ist folgende Äusserung des Vater über seine Haushälterin, Luise, welche er kurz zuvor als dumm bezeichnet hat: „…bei Lichte besehn, ist alles mal schrecklich, und es wäre ungerecht, wenn ich gerade von Luise den Ausnahmefall verlangen wollte“.
Zurück zu meiner Frage. Mein ursprüngliches Gefühl, unsere Kindheiten seien total verschieden, hat sich überhaupt nicht bestätigt. Im Nachhinein sehe ich viel liebevolle Wärme des Vaters Fontane, welche ich glücklicherweise heute auch erleben darf. Trotzdem ich es nicht befürworte, vom Vater unterrichtet zu werden, bewundere ich die zusätzliche, intensive Aufgabe, welche dieser Mann auf sich genommen hat, immer das Beste für den Sohn anstrebend.
Sarah Ritter