„O Täler weit, o Höhen,
O schöner, grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächt’ger Aufenthalt!
Da draußen, stets betrogen,
Saust die geschäft’ge Welt,
Schlag noch einmal die Bogen
Um mich, du grünes Zelt!“
Joseph von Eichendorff: Aus „Abschied“ (1810)
„Aber vor Allem anziehend war für das Heidi an solchen Windtagen das Wogen und Rauschen in den drei alten Tannen hinter der Hütte. Da mußte es immer von Zeit zu Zeit hinlaufen von allem Andern weg, was es auch sein mochte, denn so schön und wunderbar war gar Nichts wie dieses tiefe, geheimnißvolle Tosen in den Wipfeln da droben; da stand Heidi unten und lauschte hinauf und konnte niemals genug bekommen zu sehen und zu hören, wie das wehte und wogte und rauschte in den Bäumen mit großer Macht.“
Johanna Spyri: Aus „Heidi’s Lehr- und Wanderjahre.“ (1880)
Rund 40 Jahre liegen zwischen den Geburtsdaten der beiden Schriftsteller. Spyri könnte Eichendorffs Tochter sein. Die Gemeinsamkeiten sind auffällig. Schwieriger zu beantworten, ist die Frage: Wo liegen die Unterschiede?
Beide Texte zeigen den Gegensatz von Stadt und Land. Die Autoren empfinden die Landschaft und den Wald mit den rauschenden Bäumen als heilvollen und wahren Ort für den Menschen. Die Bäume lehren die Menschen das „rechte Tun und Lieben.“ Sowohl Heidi auf der Alp wie auch das lyrische Ich in Eichendorffs Gedicht sind mit dem innersten Herzen der Natur verbunden. Die Stadt, die Kultur ist die „Fremde“. „Drinnen im Studierzimmer“ lässt Spyri Heidi sämtliche Schulsachen zu Boden werfen und sie dem vermeintlichen Rauschen der Tannen folgen. Damit erklärt Spyri den Unterricht des Herrn Candidaten der Natur weit untergeordnet. Die Studierstube in Frankfurt ist eng und beschränkt im Gegensatz zur Weite der Natur. Auch Eichendorff ist überzeugt, dass der Wald die Menschen das Richtige lehrt.
Während Eichendorff die Welt als „betrogen“ bezeichnet, ist es bei Spyri – wenn wir die ganze Geschichte kennen – der Alp-Öhi, der die Dorfbewohner verlogen nennt und sie meidet. Die Welt bei Eichendorff saust in Geschäftigkeit, und das Leben auf der Alp kann mit dem Tempo der Industrialisierung ebenfalls nicht Schritt halten. Mit der Eisenbahn bringt Dete Heidi nach Frankfurt.
Sowohl Eichendorff wie auch Spyri sehen in der Natur etwas Religiöses: Bei Eichendorff werde ich an Bilder von Caspar David Friedrich erinnert. Der Mensch findet Andacht und Auferstehung in der unberührten Natur. Für Spyri ist das Tannenrauschen wunderbar, tief und geheimnisvoll.
Wenn man das Gedicht mit der ganzen Geschichte vergleicht, so merkt man, dass beide Autoren dafür einstehen, die beiden Pole Stadt und Land, Natur und Kultur, Erfahrung und Bildung zu vereinen. In der ersten Strophe beschreibt Eichendorff die Welt als betrogen und geschäftig. In der vierten Strophe zeigt er sich der Welt gegenüber offener: die Gassen der Stadt sind bunt und bewegt, das Leben dort bleibt jedoch ein vereinsamendes Schauspiel.
Auch in der Geschichte von Heidi möchte man die Idylle der Alp zunächst nicht verlassen, und merkt erst später, welchen Gewinn Heidi für sich und die anderen Menschen erreicht.
Ein einseitiges Verharren in der Natur würde höchstens zu altmodischer Schwärmerei führen.
Wenn man beides vereinen kann, bleibt man „im Herzen jung.“
Als deutscher Romantiker schreibt Eichendorff noch pathetischer und weniger konkret. Der Schritt, das Stadtleben voll zu begrüssen, gelingt in diesem Gedicht noch kaum.
Spyri hingegen vereint ihre klugen Gedanken mit feinsten Beobachtungen aus dem alltäglichen, schweizerischen Leben.
Anna-Magdalena Carl