Gottfried Keller: Winternacht
Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,
Still und blendend lag der weiße Schnee.
Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,
Keine Welle schlug im starren See.
Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,
Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;
An den Ästen klomm die Nix herauf,
Schaute durch das grüne Eis empor.
Auf dem dünnen Glase stand ich da,
Das die schwarze Tiefe von mir schied;
Dicht ich unter meinen Füßen sah
Ihre weiße Schönheit Glied um Glied.
Mit ersticktem Jammer tastet’ sie
An der harten Decke her und hin –
Ich vergeß das dunkle Antlitz nie,
Immer, immer liegt es mir im Sinn!
Anouck Aschmann:
Das Gedicht von Keller hat etwas Magisches und Mystisches an sich. „Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt“ – bei diesem Satz erinnert man sich an die Tage, wo der erste Schnee gefallen ist und alle Geräusche der Welt verschluckt hat. Eine Stille, in der einen das Gefühl überkommt, dass man der einzige Mensch auf Erden sei. Der gefrorene See und die sternenklare Nacht lassen einen an einen weit entfernten Ort denken, frei vom Smog der Stadt. Das Bild der Nixe, das in der Tiefe des Sees zu erkennen ist, wirft die Frage auf: Ist alles nur ein Traum?
Die Anapher im ersten Vers des Gedichts, „nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt“, „nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt“, unterstreicht die Stille und die Klarheit der Nacht. Die Stille wird auch durch „Keine Welle schlug im starren See“ betont. Die Wiederholung von „Eis“ lässt das Gefühl von Kälte stärker wirken. Das lyrische „Ich“ ist eine geheimnisvolle Person, die mitten in der Nacht, mutterseelenallein auf einem gefrorenen See steht. Dies strahlt Einsamkeit aus. Das „Grün“, mit dem das Eis beschrieben wird, wirkt giftig und unheimlich.
Die Wörter „herauf“ und „empor“ beschreiben, wie sehr die Nixe sich sehnt, durch das Eis an die Oberfläche zu gelangen. Auch der erstickte Jammer im letzten Vers deutet darauf hin. Der Gegensatz der schwarzen Tiefe und der weissen Schönheit zeigt den starken Kontrast zwischen der Nixe und dem dunklen Wasser des Sees. Die Nixe, die weisse Schönheit, könnte auch an eine Tote erinnern, eine Leiche, die langsam an die Oberfläche treibt. Den erstickten Jammer kurz vor ihrem Tod sieht man noch an ihrem Gesichtsausdruck. Die Wiederholung „immer, immer“ im letzten Satz des Gedichtes verleiht der Begegnung der unbekannten Person mit der Nixe eine Spur von Unendlichkeit.
Dieses Gedicht strahlt Mystik und Magie aus, welche durch eine unendliche Hilflosigkeit und Ohnmacht überschattet werden. Die Nixe, eine weisse Schönheit, ist gefangen unter einer Eisschicht, die nicht zu durchbrechen ist. Das lässt einen erschaudern. Die Gewissheit, dass die Nixe nie an die Oberfläche gelangt, beschreibt eine Beziehung, die nie zustande kommt. Dies zeigt eine negative Seite des Gedichts, die man erst erkennt, wenn man es auf sich wirken lässt. Es könnte sich um einen schönen Traum handeln, der sich am Schluss in einen Alptraum verwandelt, aus dem man mit einem Schreck erwacht. Das Gedicht ist fesselnd, geheimnisvoll und hinterlässt eine bittere Enttäuschung.
Anna-Magdalena Carl:
Kellers Gedicht Winternacht lässt mich schaudern. Bei den Schnee- und Eisschilderungen möchten mir die Hände abfrieren (und das Herz auch). Schon im ersten Satz erstarrt die ganze Welt: „Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt“. Das Gedicht ist von kristallener Schönheit. Die ersten drei Strophen muten wie ein Wintermärchen an. In der letzten Strophe entpuppt sich der Märchentraum als Albtraum. Bereits in den ersten drei Strophen künden sich dunkle Vorboten an. Der See ist starr, der Baumwipfel gefriert im Eis, die Tiefe ist schwarz. Was will uns Keller damit sagen?
Alle Verben, ausser den letzten beiden, sind im Präteritum geschrieben. Das bringt eine unwiderrufliche, einmalige „Abgeschlossenheit“. Nur die letzten beiden Verse stehen im Präsens. Alles ist dem Dichter noch präsent. Die Versfüsse sind trochäisch. Sie fallen schwer – im Gegensatz zu den bewegten Jamben in Goethes Der Fischer In der ersten und letzten Strophe überwiegen die Vokale „e“ und „i“ (Eis!). In den mittleren Strophen, wo sich der Abgrund des dunklen Sees auftut, kommen die Vokale „o“ und „u“ vermehrt vor.
Ein immer wiederkehrendes Thema bei Gottfried Keller ist das Bild des lebendig Begrabenseins. Es begegnete mir bereits in der Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe – Kinder begraben dort eine lebendige Fliege in einem Puppenkopf – und im Gedicht Lebendig begraben. Die Nixe in Kellers Wintergedicht ist unter dem Eis eingesperrt. Die Eisschicht ist dünn wie Glas, und trotzdem sieht der machtlose Mann (das lyrische Ich) keine Mittel und Möglichkeiten die Frau aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Mit einem Stein liesse sich das dünne Eis zerbrechen, oder der Mann könnte den Frühling abwarten, und „seine“ Nixe bekommen. Aber die Nixe bleibt ein Elementarwesen, und der Mann ein Mensch, und die Kluft zwischen beiden Welten ist unüberbrückbar. Es ist kein Zusammenkommen möglich, jedes bleibt für das andere unerreichbar. Gottfried Keller erlebte nie eine erfüllte Beziehung zu einer Frau. Seine Braut, eine Pianistin, nahm sich wenige Wochen nach der Verlobung das Leben.
Nachdem ich mich länger mit diesem Gedicht befasst habe, in Kellers Biografie gelesen, und mit anderen Menschen Gedanken ausgetauscht habe, hat sich mein erster Eindruck bestätigt. Tatsächlich liegt hinter dem erstarrten Bild eine traumatische Erfahrung. Ein letzter Blick zurück auf den Titel zeigt es ebenfalls: Der Winter ist ein Symbol für den Tod, die Nacht steht für die dunkeln Seiten der Biografie.
Aila Oberholzer:
Gottfried Kellers Gedicht „Winternacht“ wirkt auf mich sehr beklemmend, jedoch auch geheimnisvoll und irreal. Meine Frage ist, woraus sich dieses Empfinden ergibt.
Kellers Text malt Bilder von Kontrasten, zum einen die Stille am Anfang des Gedichts, in der nichts zu leben vermag, zum andern dann umso überraschender das Erscheinen der wunderschönen Nixe. Ein Gegensatz von Anfang und Ende ist ebenfalls in der Gestaltung der Vokale hörbar. Anders als am Schluss des Textes verwendet Keller zu Beginn sehr oft den Vokal „i“, dieser wirkt sehr scharf und durchdringend, fast so als wäre es der Vokal selbst, der anstelle der Wipfels aus dem Wasser aufsteigt.
Geheimnisvoll wirkt da auch die Tiefe, aus welcher der Seebaum auftaucht. Sie verkörpert das Ungewisse, die Spannung und die Neugier auf das, was sich sonst noch dort unten verstecken mag.
Die gleich darauf erscheinende Nixe wirkt realitätsfern. Auch die fast ausbleibende Reaktion des lyrischen Ichs scheint nicht verständlich und verunsichert. Der dunkle Vokal „o“ in „klomm“ ist eine ungewohnte Veränderung gegenüber dem hellen „i“. Er lässt den Leser Unheilvolles ahnen und schafft ein beklemmendes Gefühl.
Es stellt sich mir die Frage, warum und wie der gute Mann einfach so, ohne zu handeln oben auf der für ihn so dünnen Eisschicht weilen kann. Hat er denn kein Herz für die Nixe, die unter ihm in ersticktem Jammer hin und her irrt? Sie, für die das Eis so hart erscheint, fleht ihn doch mit ihren verzweifelten Bewegungen gerade zu an zu handeln. Meines Erachtens wäre es nur anständig, eine gefangene Schönheit zu befreien, und es missfällt mir sehr, lesen zu müssen, dass er dies nicht einmal in Erwägung zieht.
Das Gedicht wirkt für mich nicht mehr beklemmend, nein, ich bin richtig empört über den keineswegs männlichen Auftritt des lyrischen Ich. Ich finde es eine Frechheit, wie er es nach der ausbleibenden Befreiung auch noch wagt, in den letzten zwei Versen sich selbst zu bemitleiden. Das dunkle Antlitz liege immer in seinem Sinne, meint er. Ich frage mich da, warum er nicht wie ein echter Gentleman eine Befreiungsaktion vom Feinsten gestartet und die wunderschöne Nixe danach geheiratet hat. Möglicherweise wäre sie dann von ihrem dunklen Antlitz befreit, und er litte nicht an dem schrecklichen, aber selbstverschuldeten Trauma.
veröffentlicht von Hans-Martin Hüppi