Sonntagabend, nach dem Konzert. In der Bahnhofsunterführung in Winterthur lacht sich die Hälfte meiner Familie plötzlich ein Loch in den Bauch und zeigt auf mein wahlkampfmässig so wunderbar auf einem Plakat an der Wand posierendes Konterfei: Da ist doch tatsächlich von kunstfertiger Hand eine Zahnlücke drauf gemalt. Der Gedanke ist natürlich schnell präsent: 120 Gymnasiast/innen waren ein paar Stunden vorher zu ihrem Chorkonzert gepilgert, hatten dabei ein bekanntes Gesicht an öffentlicher (Plakat-)Stelle entdeckt und einer von ihnen (ich gehe davon aus: männlich) hatte sich erinnert, dass der abgebildete Herr ja vor zwei oder drei Jahren einmal handballmässig deutlich auf den Kopf gefallen war und dabei einen Schaufelzahn verloren hatte.
Ich habe die tiefere Symbolik des künstlerischen Aktes natürlich sofort erfasst: Lücken, Leerstellen, Unzulänglichkeiten gehören zum Leben, und wir sollen und dürfen alle ruhig dazu stehen. Auch in der Öffentlichkeit. Und gerade auch in der Politik, die ja vor Unzulänglichkeiten strotzt.
Beim Weiterdenken habe ich dann auch noch die versteckte bildungspolitische Aussage verstanden, die der Künstler den Passanten übermitteln wollte: Ein Zürcher Bildungswesen ohne anerkannte nichtstaatliche Schulen wie das Gymnasium Unterstrass wäre wie ein Gebiss ohne linken oberen Schaufelzahn, also unvollständig und mit zu wenig Biss.
Allerdings, so denke ich dann still für mich, ist das nicht allen Politikerinnen und Politikern im Kanton so klar, sonst würden sie die grosse Finanzierungslücke für diese Schulen nicht einfach systematisch und hartnäckig weiter bestehen lassen. Obwohl wir seit 1999 ja ein Mittelschulgesetz haben, das dem Kanton erlauben würde, für jede Schülerin und jeden Schüler bspw. am Gymnasium Unterstrass bis 7’000 Franken jährlich zu bezahlen.